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Malerei ist ein Reibungsprozess, es ist ein schmerzlicher Prozess…

Ein Interview mit Katrin Zickler in ihrem Studio in der Alten Brauerei in Dessau (Teil 1)

Ein Interview mit der freien bildenden Künstlerin Katrin Zickler, die ihre Gefühle und Anliegen in Zeichnungen, Bildern, in Skulpturen, sowie Installationen zum Ausdruck bringt.

Bei meinem letzten Besuch in ihrem Atelier beantwortete sie mir einige Fragen zu ihrer Arbeit und ihrem Arbeitsalltag.

Auftragsarbeiten mache ich eigentlich überhaupt nicht. Ich habe schlechte Erfahrungen damit gemacht, weil die inneren Bilder, die Menschen in sich tragen, selten mit den meinen übereinstimmen.”

Katrin Zickler
Haltlos 1, 2021, Acryl / Farbstift, 118 x 93 cm

Wie gestaltet sich dein Arbeitsalltag?

Ich bin bildende Künstlerin. Um dies ohne Bauchschmerzen leben und ein Atelier und einen Kursraum finanzieren zu können, gebe ich an zwei Tagen Zeichen- und Malkurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Aber ich habe gemerkt, dass die Malkurse mir auch wieder etwas zurückgeben, Struktur und Bodenhaftung und sie lassen mich teilhaben an anderen Lebenserfahrungen, die ich manchmal vergesse, wenn ich arbeite.

Sie erden mich. Aber der “Unterricht” führt mich auch weg von mir. Dann brauche ich wieder einige Zeit für mich allein, um Kunst zu machen.

Die Räume der Malschule. Hier finden Katrin Zicklers Kurse statt.

Unterricht ist es ja nicht, eher eine Hilfestellung, die ich gebe. Den Kindern und Jugendlichen punktuelle Ratschläge geben. Wenn sie keine eigenen Ideen haben, stelle ich ihnen zB. Stillleben als Naturstudium hin oder gebe Anregungen für eine Bildidee. Das sehe ich als meine Aufgabe. Einige sind auch sehr zielstrebig und ehrgeizig, sie wären gern schon morgen wie Gerhard Richter. So schnell geht das natürlich nicht. (lacht) Meine Aufgabe ist es ihnen Wege zu zeigen, wie man zu einem guten künstlerischen Ergebnis kommt. Manchmal gebe ich ihnen auch einfach nur den Raum zum Reden und Austauschen.

Interessant, nun mehr zu Deiner eigenen kreativen Arbeit: Woher erhältst Du Inspiration für deine Motive?

Ich bin keine Konzeptkünstlerin, also überlege ich, ob ich abstrakt also die wesentlichen, gesetzmäßigen Züge aus etwas Konkretem, sinnlich Wahrnehmbarem ableite oder figürlich male und danach wähle ich meine Technik aus. Ich überlege mir, welche Materialien ich einsetze und danach entwickelt sich alles. Welches Papier und welche Farben.

Links: “Kopf ausfließen”, 2020, Papiermischtechnik bemalt, 20x20x15cm
Links: “Durchbruch”, 2021, Acryl auf Industriepapier, 120x110cm

Gibt es besondere Materialien und Techniken, die Du verwendest?

Ich verwende fast alle möglichen Materialien, aber ich habe eine besondere Vorliebe für alte Materialien, die schon Geschichte in sich tragen.

Es sind häufig vergilbte, verlebte Blätter aus Papier mit sichtbaren Spuren, die mir etwas erzählen. Sie haben manchmal Linien in sich oder es ist altes Rechenpapier, daraus arbeite ich dann Collagen. Es sind manchmal auch alte Briefe oder Seiten aus alten Büchern. Aus diesen entstehen schöne Strukturen, die in das Bild, das ich erschaffe, eingehen. Was mich daran reizt: ich bin unbeschwerter im Umgang mit diesen Papieren, lockerer und unbefangener.

Ich habe zum Beispiel schwarzes Papier aus der ehemaligen Dessauer Magnetbandfabrik und weißes, scheinbar plastikbeschichtetes Papier. Man kann mit diesem sehr viel experimentieren und ausprobieren. Eine Frage, die mich reizt und bei der Arbeit antreibt ist „wie kann ich mit diesem Material umgehen?“

Manchmal gibt es für die Motivfindung auch Anregungen durch Ausstellungs- und Galeriebesuche.

Nimmst Du auch Auftragsarbeiten an? 

Auftragsarbeiten mache ich eigentlich überhaupt nicht. Ich habe schlechte Erfahrungen damit gemacht, weil die inneren Bilder, die die Menschen in ihren Köpfen tragen, selten mit meinen übereinstimmen.

Links: OT, 2019, Mischtechnik auf ehem. Kinoplakat, 250x140cm
Rechts: Plastik “Strauchelne”, 2010, Papiermischtechnik, 40x15x10 (im Hintergrund Arbeiten aus der Serie “Mikroskopische Landschaften”)

Wie lang ist der Prozess von der Idee bis zur Fertigstellung?

Manchmal zwei, drei Tage. Manchmal eine Woche. Manchmal stelle ich sie weg, dann hole ich sie wieder hervor und manchmal möchte ich es alles wieder weißen. Und manchmal ist auch das Hässliche und Schlimme, das Wunderbare und Einzigartige, das mich fasziniert.

Malerei ist ein Reibungsprozess, ein, wie bei fast jeder Reibung, auch schmerzhafter Prozess. Und wie alles Schönes, ist es auch vergänglich.

Aber Deine Kunstwerke, Deine Malereien, die sind nicht vergänglich. Das ist ja das Besondere an ihnen …!

Das stimmt.

Links: OT, 2020, Acryl, 100x 80cm und OT, 2020, Acryl Farbstift, 100x 80cm
Rechts: “Junge”, 2020, Tempura Öl, 30x30cm und im Vordergrund Plastik “Aufblickend”, 2009, Holz Ton Draht bemalt, 20x10x15cm

Hast Du etwas, das über Allem steht? Dass dich immer wieder von Vorn anfangen lässt?

Mein Anspruch und Ansporn ist es, kraftvolle, erdige, tiefe Arbeiten zu erschaffen, in dem auch dieser Kampf drinsteckt, diese ganze Kraft, das Ziehen und Zerren, das Kämpfen um eine Form, um das Bild auch für den Betrachter fühlbar zu machen, ohne dass es konstruiert wirkt. Es sollte trotzdem eine Leichtigkeit in sich tragen.

Was wünschst Du Dir mit welchen Gedanken künftige Generationen deine Kunst betrachten sollen?

Dass meine Arbeiten auf gar keinen Fall oberflächlich sind. Dass sie sensibel sind. Dass sie anregen zum Gespräch. Wenn die Arbeiten ausgestellt werden, ist es auch immer ein Zeigen meiner Empfindungen, ein sich verletzbar machen. Das Schöne aber dadu-rch ist, dass oft gute Gespräche zustande kommen und Menschen berührt werden können.

Vielen Dank für das interessante Gespräch Katrin Zickler!

Katrin Zickler in ihrem Studio in der Alten Brauerei in Dessau

Katrin Zickler ist in der

Brauereistr. 1–2 (Ecke Elisabethstr.) in 06847 Dessau-Roßlau zu finden.

https://www.katrin-zickler.de/

Besuche sind nach telefonischer Absprache möglich

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